Liebesgeschichten sind so alt wie die Menschheit selbst. Diese hier erzaehlt von einem Berg, auf dem zwei Baeume stehen: eine alte Eiche und eine Linde.
Sie stehen einander so nahe, dass die Aeste des einen muehelos die Aeste des anderen Baumes erreichen. Wenn sanft der Wind weht, so sieht es aus, als wuerden sie sich zaertlich streicheln. Und es hoert sich an, als fluesterten sie sich einander alte Liebesschwuere zu.
Oft kommen Liebespaare an diesen Ort mit bunten Baendern und knuepften sie dort fest mit ihren guten Wuenschen.
Wie es dazu kam? Lese ganz in Ruhe diese Geschichte. Ich nehme dich mit in das alte Griechenland. Hoch oben, auf dem Olymp, da sassen Zeus und Hera auf ihrem Liebeslager. Sie liebten einander stuermisch und leidenschaftlich und erreichten Gipfel der hoechsten Lust. Sie liessen sich in ihre Kissen sinken und Zeus schaute hinunter zur Erde. Doch was musste er da sehen? Die Menschen achteten die Goetter nicht, sie machten, was sie wollten. Von oben sah er nicht alles so genau, deshalb entschloss er sich zu einem Besuch. Seinen Bruder Poseidon nahm er mit. Vier Augen sehen mehr als zwei! So stiegen sie hinab und als ihre Fuesse die Erde beruehrten, nahmen sie die Gestalt von zwei Wanderern an. Was sie auf Erden sahen, war entsetzlich: Lug und Trug, Mord und Todschlag. Die Goetter waren empoert. Wir werden sie vernichten. Das Experiment Mensch ist missglueckt. Poseidon aber bat um eine Chance fuer die Menschen: wenn wir zwei finden, die es wert sind, so sollten wir die Menschheit nicht ganz und gar ausloeschen. Lass uns durch die Stadt gehen und genau schauen. An jeder Tuer klopften sie, baten um Nahrung und um ein Nachtlager. „Wir haben nichts zu verschenken!“, war die Antwort und die Tuer wurde ihnen vor der Nase zugeschlagen. Ueberall bekamen sie dieselbe Antwort.
So liefen sie zur Stadt hinaus und sahen hinter der Stadt einen Huegel. Dort oben sahen sie eine winzige Huette. Sie liefen den Huegel hinauf. In der Huette wohnten ein Mann und eine Frau: Philemon und Baucis. Sie hatten sich vor ueber 60 Jahren kennengelernt, sich verliebt und dort oben ein Haus gebaut. Kinder hatten sie keine bekommen. Das einzige Wesen, was sie liebten, wie ihr eigenes Kind, war eine schoene weisse Gans.
Wie nun die Wanderer das Haus erreichten, war Baucis gerade im Garten beschaeftigt. Sie nahm ihren Stock und wackelte den Wanderern entgegen. „Oh, Besuch! Wie schoen. Fremde Wanderer sind uns immer willkommen. Folgt uns in unser Haus!“ Das Haus war so klein und niedrig. Da mussten sich die Goetter buecken, um ueberhaupt durch die Tuer zu kommen. Nun bot Baucis den Wanderern einen Platz am warmen Ofen an. Sie blies in die Glut und fachte das Feuer an, sie haengte den Kessel ueber das Feuer, wischte ueber den Tisch und stellte Brot und Oliven drauf. So konnten die Wanderer schon etwas essen, bis die Suppe im Topf wieder heiss geworden war. „Philemon, wir haben Besuch! Hole Wein aus dem Keller!“ Da stieg der Alte aechzend hinab und holte den letzten Krug Wein. Er schenkte alle vier Becher voll ein. Bald schon gab es Suppe und die Gaeste assen. Als Baucis spaeter Wein nachschenken wollte, erschrak sie. Der Krug war wieder voll … vielleicht habe ich mich getaeuscht. Sie schenkte alle Becher ein. Sie erzaehlten, lachten und tranken. Abermals schenkte sie nach, denn der Krug war wieder voll. Sie fluesterte Philemon ins Ohr: „Philemon, das sind keine normalen Wanderer. Das sind Goetter! Und wir haben ihnen unseren Gemueseeintopf zu essen gegeben. Das geht nicht. Schnell lauf hinaus und schlachte die Gans!“
Da ging Philemon hinaus. Aber das Tier ahnte, was hier passieren sollte. Die Gans rannte davon und schnatterte. Sie lief ins Haus, schluepfte unter den Tisch hindurch und versteckte sich bei den Gaesten. „Deine Frau hat recht. Wir sind keine Wanderer. Wir sind Goetter. Aber ihr habt uns als Gaeste empfangen und eure Freundschaft gewaehrt. Ihr braucht eure Gans nicht zu schlachten. Lasst sie am Leben. Zum Dank fuer eure Gastfreundschaft wollen wir euch einen Wunsch gewaehren. So sagt: was wuenscht ihr euch?“ Da dachten die beiden sehr alten Menschen sehr lange nach. Schliesslich sprach Philemon: „Weisst du, wir sind ueber sechzig Jahre verheiratet. Die ersten zwanzig Jahre haben wir eigentlich nur miteinander gestritten, dann kamen zwanzig Jahre, da hatten wir uns nichts zu sagen. In den letzten zwanzig Jahren haben wir uns aneinander gewoehnt und koennen nun endlich sagen, dass wir uns lieben. So wuenschen wir uns, dass wir beide im selben Augenblick sterben. Keiner soll am Grab das anderen stehen und ihn betrauern.“ Da nickte Zeus. Er schenkte ihnen oben auf dem Berg einen sicheren und schoenen Ort; einen Tempel mit Garten und einem gemuetlichen, kleinen Haus. Dort lebten sie noch gute Jahre in der gleichen Bescheidenheit wie vorher. Eines Tages, war Philemon gerade dabei, die Tomaten zu ernten. Da hoerte er Baucis rufen. Er lief zu ihr, so schnell oder langsam, wie es eben ging. Und sie schaute staunend auf ihre Fuesse … wie sie allmaehlich zu Wurzeln wurden. Ihre Beine verwandelten sich zu einem Baumstamm, die Arme zu Aesten, die Finger zu Zweigen. Und wie Philemon so bei ihr stand, ganz nah und an sich herunterschaute, geschah dasselbe bei ihm. Sie schauten sich noch an und fluesterten: „Leb wohl!“
Der Tempel ist mittlerweile verfallen, nur wenige Steine erinnern noch an die Pracht von einst. Aber zwei uralte Baeume stehen dort: eine Eiche und eine Linde. Ganz nah beieinander, als wuerden sie sich umarmen. Alle Verliebten und Liebenden, die dort verbeikommen, binden bunte Baender in die Zweige mit dem Wunsch, dass ihre Liebe ewig halten moege.
Doch schaut man von da oben hinunter ins Tal, dort unten, wo frueher Berge, Huegel und Staedte waren, dann sind dort nun lauter Inseln. Poseidon hatte das Wasser ansteigen lassen und hat so alle Boshaftigkeit ausgeloescht.“
Die Sintflut aber muss immer jemanden uebriggelassen haben, denn wir Menschen sind ja da, wirst du nun sagen. Und wahrlich, ein Koenigspaar in der griechischen Mythologie ueberlebte. So fragten die beiden die Goettin Themis um Rat, die Goettin der Gerechtigkeit, der Sitte und Ordnung. Sie gab zur Antwort:
„WERFT DIE STEINE, DIE DEN WEG SCHWER MACHEN, HINTER EUCH!“
Das taten sie und aus den Steinen, die der Koenig ueber seine Schulter warf, wurden Maenner. Aus den Steinen, die die Koenigin ueber ihre Schulter warf, wurden Frauen.
Aus dieser schicksalhaften Neuschoepfung wurden die Griechen und die Inselgruppe nennen wir heute Kykladen.
Herzliche Gruesse
Katrin Bamberg
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