Dem Alltags-Bodensatz enthoben
Vier neue Gedichte zwischen Lebensbilanz, Sommergelassenheit und der Frage, die niemand stellen will
Im Alter, sagt Klaus Huber, drängen sich die Bilanzen auf. Was hat man geschafft? Was bleibt? Die Antwort gibt er nicht in Prosa – sondern in Versen, frühmorgens, wenn der Tag noch still ist:
Bilanz zunehmenden Alters
Im Alter drängt im Großen, Ganzen
sich vermehrt auf Schar der Bilanzen.
Im Grunde leb' ich zwischen Welten,
die mir im Innern so viel gelten:
zum einen einstiges BemĂĽhen,
in meinem Wirken stets zu glĂĽhen,
zum andern, was ich angefangen
mit Dingen, die nicht stets gelangen,
der Wirklichkeit die Stirn zu bieten,
wenn auch Versuche noch so glĂĽhten.
Ich hoffe, dass einst – ohne Schaden –
gelingt, zum Ziel hin zu geraten,
dass man am Ende könnte sehen:
Ich war bereit, dann auch zu gehen.
„Bemüht war er auf jeden Fall
und weilt dankbar hierfĂĽr im All."
Doch wer Klaus Huber kennt, weiß: Der Mann bleibt nicht beim Rückblick stehen. Er genießt. Bewusst, gelassen, dankbar. Die endlosen Sommertage werden nicht verplant – sie werden gelebt:
Endlose Sommertage
Endlos wirken Sommertage,
wenn ich es – gelassen – wage,
sie mit angenehmen Dingen
– frei von Arbeit – zuzubringen,
solang wie möglich zu genießen,
woraus dann auch Ideen sprieĂźen,
wenn wir sie selbstbewusst uns fĂĽllen,
den Hunger nach Erleben stillen.
Noch lang genug wird Herbst und Winter.
Im Grunde leben wir gesĂĽnder,
wenn wir – dem Augenblick ergeben –
nicht stets zu neuen Zielen streben,
sondern zuzeiten bewusst rasten,
wobei wir dankbar dann erfassten,
dass solche Zeiten uns geschenkt,
wenn unsere Seele dahin lenkt.
Doch zwischen den sonnigen Zeilen schleicht sich eine andere Stimmung ein. Geschrieben um vier Uhr morgens – wieder eine dieser schlaflosen Nächte. Ein Brief blieb unbeantwortet. Ein Freund schweigt. Die Frage, die sich keiner zu stellen traut, formt Klaus Huber zu einem der berührendsten Gedichte der letzten Wochen:
Stille Frage
Bleibt Antwort auf ein Schreiben stumm,
komme ich um Fragen nicht herum,
ob wohl der Adressat noch lebt
und deshalb nicht zur Antwort strebt?
So enden mancherlei Versuche,
dass ich einst mit ihm Zeiten buche.
Scheint manche Sorge ĂĽbertrieben
– er ist im Herzen eingeschrieben.
Die Hoffnung bleibt, dass trotz Vergehen
wir uns in neuen Welten sehen.
Und dann, am Samstag, schickt Klaus ein Gedicht „aus dem Archiv" – geschrieben in Vorbereitung auf einen Besuch. Es ist das Gedicht über den Ort, an dem alles entsteht. Jenen kleinen Giebel, in dem seit Jahrzehnten die Worte fliegen. Es ist zugleich das Gedicht, das dieser Rubrik ihren Namen gab:
Im Schreibgiebel
Dem Alltags-Bodensatz enthoben,
begebe ich mich gern nach oben,
wo wieder die Gedanken fliegen,
die mir so sehr am Herzen liegen,
um sie nun zu Papier zu bringen
in Hoffnung, es werde gelingen,
dass mein BedĂĽrfnis hier vermerkt,
was – nicht nur für mich – im Leben stärkt.