Von der ersten Zeile bis heute
Acht neue Gedichte – und das Werk, mit dem alles begann
Was es wert ist, geschrieben zu werden
Am 25. August, frühmorgens, schickt Klaus Huber ein Gedicht über das Schreiben selbst. Nicht jede Nachricht wiegt gleich schwer. Nicht jedes Wort trägt. Was bleibt, sind Briefe, die Wesentliches sagen:
Mitteilungen
Briefe werden uns nur bleiben,
wenn sie Wesentliches schreiben.
Manches SMS-Palaver
erscheint doch nicht wichtig, aber
es will andere unterhalten.
Es heißt hauptsächlich entfalten,
was uns in dem Leben trägt
und zur Hoffnung hin bewegt.
Dies beim Schreiben ĂĽberlegen
ist für den Empfänger Segen,
wenn er darin Wahrheit findet,
welche in Erkenntnis mĂĽndet.
Dies ermutigt, zu antworten,
öffnet Lesern jene Pforten,
welche zeigen, was schwer wiegt,
weil es uns am Herzen liegt.
Allein und doch nicht einsam
Einen Tag später, am 26. August, zwei Gedanken in der Morgendämmerung. Der eine über das Alleingehen – nicht als Einsamkeit, sondern als bewusste Wahl:
Zweierlei Erfahrungen
So schön es ist, bislang mit andern
– es tut auch gut, allein zu wandern,
in Stille eigene Wege gehen,
die zwar nicht alle wohl verstehen.
Es heißt, bewusst die Wege wählen,
statt sich mit Pfaden nur zu quälen,
die dem BedĂĽrfnis nicht entsprechen
und sich – zu Recht – am Ende rächen.
Auf einem Weg sind wir erfĂĽllt,
wenn er Hunger nach Zielen stillt,
die leise in dem Innern blĂĽhten
und unser einsam Sein vergĂĽten.
Wenn Weg und Wille sich vereinen,
dann sind wir mit uns selbst im Reinen.
Dankbarkeit als Eigenwert
Am 27. August folgt ein Gedicht, das wie ein stilles Selbstgespräch wirkt. Wer Dankbarkeit erfährt, spürt Eigenwert – und bleibt dem Wirken treu:
Dankbarkeit
WofĂĽr wir im Leben bĂĽrgen
und was wir hierdurch bewirken,
lässt dankbares Echo finden,
um in Bestätigung zu münden,
dass wir nicht umsonst uns mĂĽhen,
danach dankbar Bilanzen ziehen.
Sich den andern nĂĽtzlich machen
kann in uns den Mut entfachen,
diesem Wirken treu zu bleiben,
sich den Zielen zu verschreiben.
Wer öfters Dankbarkeit erfährt,
verspĂĽrt wohltuend Eigenwert
fĂĽr alles, was er schon bewegt,
worauf er die Gewichte legt.
Schlaf, Treue und die letzte Heimat
Am Samstag, dem 29. August, dann gleich drei Gedichte in einer einzigen Mail. Klaus Huber kennt seine schlaflosen Nächte – und hat längst seinen Frieden damit gemacht:
Schlaf-Regel
Schlafe, wenn du mĂĽde bist
– doch der Körper setzt die Frist.
Wenn du – trotzdem – einmal wachst
und die Nacht zum Tage machst
fĂĽr das, was du schon gewohnt,
wirst du später doch belohnt.
Ist es wieder Zeit fĂĽr Ruh',
gönn' es dir, mach' Augen zu.
Und wenn man wacht? Dann baut man sich seine eigene Welt. Eine, die lebenswert bleibt:
Eigene Welt
Leben in eigener Welt
tut nur das, was dem gefällt,
der einstmals das ausgewählt,
was für ihn im Leben zählt.
Bleibe so dir selber treu,
wähle einen Weg auch neu,
hoffend, dass er deine Welt
für dich lebenswert erhält.
Das dritte Gedicht desselben Morgens geht noch einen Schritt weiter. Es spricht aus, was viele nicht auszusprechen wagen. Und verwandelt die Endlichkeit in etwas, das keine Angst mehr macht:
Tiefes Bewusstsein
Irgendwann wird dir bewusst,
dass du einmal gehen musst.
Nutze dann noch deine Zeit
und bleibe gefasst, bereit,
wenn es Zeit ist, auch zu geh'n.
Du wirst neue Welten seh'n,
die bis jetzt verborgen sind.
Wer beharrlich sucht, gewinnt
zu schon festgesetzter Frist,
wo die letzte Heimat ist.
Am Sonntagmorgen
Das jüngste Gedicht – heute Morgen, am 31. August. Ein Sonntag, an dem die Eindrücke der vergangenen Tage nachwirken. So stark, dass der Schlaf weichen muss:
Sonntags-EindrĂĽcke
EindrĂĽcke belebter Tage
wiegen dankbar auf der Waage
des Erlebens nachts noch weiter,
stimmen nachklingend uns heiter,
lassen – wach – sie neu erleben,
weil sie uns so vieles geben,
dass wir nun gerne aufstehen,
um die Wege neu zu gehen,
die wir tags so tief erfuhren.
In uns keimen jene Spuren,
wovon wir noch immer zehren.
Wir können uns nun nicht wehren.
Diese zauberhaften Bilder
machen reich und uns erfĂĽllter,
aufgrund der kostbaren Zeit.
Wir empfinden uns befreit
und verzichten gern auf Schlaf,
wenn uns dies Erlebnis traf.
Besonderes aus dem Archiv
Das Gedicht, mit dem alles begann
Es gibt Gedichte, die überdauern ihre Zeit. Und dann gibt es Gedichte, die einen ganzen Lebensweg begründen. „Gastfreundschaft" ist so eines. Geschrieben 1988, während eines Familienwochenendes auf dem Hohritt unter dem Thema „Gastfreundschaft als Zeichen einer christlichen Familie". Es war das allererste Gedicht, das Klaus Huber veröffentlichte – und es wurde sein Durchbruch: Baldur Seifert zitierte es im SWR Baden-Baden. Seitdem hängt es an Haustüren und Wohnungstüren in der ganzen Region und darüber hinaus.
Stilistisch unterscheidet sich „Gastfreundschaft" grundlegend von den heutigen Paarreimen. Es ist in freien Versen geschrieben, fast hymnisch, fast liturgisch – fünf Strophen wie fünf Stufen, von der Schwelle bis zum Abschied. Wer dieses Gedicht liest und daneben die Verse von heute hält, sieht: 38 Jahre liegen dazwischen. Und doch schlägt dasselbe Herz.
Gastfreundschaft
1988 · Das erste Gedicht
Tritt ĂĽber meine Schwelle
und streife ab
ins Geflecht der FuĂźmatte
deine Hemmungen vor unbekannten Mauern.
Lege ab
deinen Mantel der Verschlossenheit
und entledige dich dabei
deiner Ängste,
zu viel von dir zu offenbaren.
Komm in die Stube der Gemeinsamkeit
und lass das GefĂĽhl,
keine Zeit zu haben,
drauĂźen vor der TĂĽr:
Iss und trink mit mir.
Und ziere dich nicht,
mich dazu anzuregen,
Brot und Wein mit dir zu teilen.
Bleibe bei mir,
solange es dir BedĂĽrfnis ist,
und lass dich nicht vertreiben
vom Zeiger und der Unruh',
die nach gutem Ton
dich längst zum Gehen mahnen.
Gehe, wann es dich weiterzieht,
und nimm Ermutigung mit dir,
unbesorgt wiederzukehren,
wann immer du das Sehnen spĂĽrst.
Hintergrund: Klaus Huber schrieb „Gastfreundschaft" bei einem Familienwochenende auf dem Hohritt. Baldur Seifert, damals Moderator beim SWR Baden-Baden, zitierte es in einer Sendung. Seitdem hängt das Gedicht an Haustüren, Wohnungstüren und in Gemeindehäusern. Klaus Huber trug es über die Jahre in evangelischen und katholischen Gottesdiensten vor – Ökumene in Versform, lange bevor das Wort modern wurde. „Es darf bei Gefallen beliebig kopiert werden", sagt der Autor.
Von der Schwelle 1988 bis zum Schreibgiebel 2026 – 38 Jahre, in denen Klaus Huber fast täglich schreibt. Sieben neue Gedichte in einer Woche beweisen: Dieses Feuer erlischt nicht. Es brennt ruhiger, tiefer, klarer. Aber es brennt.
und nimm Ermutigung mit dir,
unbesorgt wiederzukehren,
wann immer du das Sehnen spĂĽrst.