Draußen kämpft der Februar mit den ersten Sonnenstrahlen, drinnen kämpft Marcel mit dem ersten Windel-Wechsel allein. Eine Geschichte über die wachsende Rolle der Väter und warum "nur" Helfen nicht genug ist.
Marcel stand im Kinderzimmer und starrte auf die Windel, als wäre sie ein hochkomplexes Rätsel. Es war der erste Vormittag, an dem er mit dem kleinen Ben allein war. Seine Frau war für zwei Stunden zum Rückbildungskurs. "Du schaffst das", hatte sie gesagt. Marcel war sich da nicht so sicher.
Er war ein moderner Mann, dachte er. Er hatte die Elternzeit-Anträge ausgefüllt, den Kinderwagen konfiguriert und wusste alles über die neuesten Sicherheitsstandards für Reboarder. Aber jetzt, in der Stille der Wohnung, fühlte er sich plötzlich wie ein Praktikant in einer Welt, in der seine Frau der CEO war.
"Wie läuft's bei euch?", hatte Hebamme Nadja beim letzten Besuch gefragt. "Ich helfe, wo ich kann", hatte Marcel stolz geantwortet. Nadja hatte ihn lächelnd angeschaut. "Marcel, Du bist nicht der Babysitter. Du bist der Vater. Du hilfst nicht – Du bist zuständig."
Dieser Satz hallte in seinem Kopf nach, während er Ben vorsichtig säuberte. Er realisierte: Lange Zeit hatte er darauf gewartet, dass ihm gesagt wurde, was zu tun ist. "Bring mir mal die Windel." "Halt ihn mal kurz." Er war im Passiv-Modus.
An diesem Februar-Vormittag änderte sich etwas. Ben weinte. Nicht das Hunger-Weinen, sondern dieses "Ich-bin-müde-und-finde-nicht-in-den-Schlaf"-Quengeln. Marcel probierte alles: Wiegen, Singen (er kannte nur die Texte von Depeche Mode, was Ben aber egal war), Umhertragen.
Schließlich legte er Ben in die Tragehilfe. Er spürte den kleinen Herzschlag an seiner Brust. Er lief durch das Wohnzimmer, sah aus dem Fenster auf die kahlen Bäume der Ortenau und spürte plötzlich eine enorme Ruhe. Ben schlief ein.
"Wir machen Dinge anders als die Mamas", sagte Marcel später zu Nadja. "Ich bin wilder beim Spielen, und meine Einschlaf-Symphonie ist eher New Wave als Wiegenlied."
Nadja nickte. "Und das ist genau richtig. Kinder brauchen diese unterschiedlichen Impulse. Deine Bindung zu Ben wächst durch das Machen, durch die Verantwortung."
Marcel hat in den letzten Wochen viel gelernt. Hier sind seine (und Nadjas) Top-Tipps:
Praxistipp 1: Exklusivzeit schaffen Geh allein mit dem Baby spazieren oder übernimm eine feste Routine (z.B. das Baden oder das Wickeln am Abend). Ohne dass jemand über Deine Schulter schaut.
Praxistipp 2: Eigene Wege finden Nur weil Deine Partnerin das Baby auf eine bestimmte Art beruhigt, heißt das nicht, dass Du es genauso machen musst. Finde Deinen eigenen Stil.
Praxistipp 3: Mental Load teilen Wisse, wann der nächste Impftermin ist oder wann die Windeln leer sind. Sei nicht nur der Ausführer, sondern auch der Mit-Planer.
Als seine Frau nach Hause kam, fand sie zwei schlafende Männer auf der Couch vor. Marcel war erschöpft, aber glücklich. Er fühlte sich nicht mehr wie ein Praktikant. Er war jetzt im Team.
"Ich habe heute die Welt nicht gerettet", grinste Marcel später, "aber ich habe Ben beruhigt, drei Windeln gewechselt und wir haben zusammen Depeche Mode gehört. Ich würde sagen: Läuft."
Bist Du auch ein frischgebackener Papa? Trau Dich ran! Du musst nicht alles perfekt machen, Du musst nur da sein. Deine Bindung zum Kind ist einzigartig und wichtig – für Dein Baby und für Dich.