D ie Stimmung im heimeligen Sasbachwaldener Holzwurm ging schon hoch her, bevor es so richtig losging. Geselligkeit, tischnachbarliche Unterhaltung, Gaumenfreuden und gute Laune werden bei den Holzwurmabenden des AutorenNetzwerks Ortenau-Elsass® groß geschrieben. Diesmal kam das Thema des Abendprogramms hinzu, das den Meinungsaustausch beflügelte. Es sollte vom Publikum erraten werden, welches von fünf eigens für diesen Abend geschriebenen Märchen mit dem Titel „Rabenfeder" von einem KI-Programm verfasst worden sei. Zur Steigerung des Schwierigkeitsgrades erfuhr das Publikum von Dr. Karin Jäckel, der Leiterin des AutorenNetzwerks, die den Abend moderierte und das Spiel vorstellte, dass der oder die Vortragende nicht automatisch die Autorin oder der Autor sei. Die Spannung stieg nicht zuletzt auch am Autorentisch, denn zusätzlich zur KI-Frage sollte beantwortet werden, welches der fünf Märchen dem Publikum am besten gefallen habe.
Für das Ratespiel hatte der Bühler Autor Detlef Spötter, der als Conférencier fungierte, eine Staffelei mit einer Tafel mitgebracht. Darauf waren oben fünf Doppelspalten vorbereitet, jede für eines der fünf Märchen. Die eine Spalte zeigte ein Herz als Symbol für die Wertung des Wohlgefallens. Die andere Spalte stand für die KI-Frage und wie hoch man die Wahrscheinlichkeit einschätzte, das betreffende Märchen sei von einem Chat-Bot verfasst. Sieben tischweise gebildete Rategruppen hatten nach jedem Märchenvortrag etwa fünf Minuten gemeinsame Beratungszeit über die zu vergebende Punktzahl von eins bis zehn.
Ein zauberhaftes Rabenfeder-Märchen, vorgetragen von der in Straßburg lebenden Autorin Julia Guibert, eröffnete den Reigen. Es handelt von einem König, der seinen außerordentlich hellhäutigen Sohn verheiraten wollte. Die mögliche Braut musste eine schneeweiße Feder als Brautgabe mitbringen. Drei Schwestern wetteiferten um den Prinzen, doch dessen Liebe gewann ein Jüngling mit rabenfederschwarzem Haar. Der König wütete, die Königin vermittelte. Und so zog das Liebespaar glücklich in ein gemütliches Häuschen statt ins Schloss, und wenn sie nicht gestorben sind…
Mit einer Sciencefiction-Kurzgeschichte führte der Zukunftsanalytiker Dr. Klaus-Ulrich Moeller aus Obersasbach das Publikum ins Innere des Menschen. Dort hinein schlüpfte eine Ärztin der Zukunft und entdeckte dabei eine bislang unbekannte Kammer: Das Versteck der Seele. Rhetorisch geschliffen, stilistisch ausgefeilt, thematisch so irreal wie skurril, schien der Text für sechs Rategruppen von sieben mit großer Wahrscheinlichkeit nicht KI-geschrieben zu sein.
Als dritte im Bunde trug die Oberkircher Autorin Marie Schweizer eine kleine Humoreske vor, die zwar kein Märchen im klassischen Sinne ist, doch zwischen Himmel und Hölle spielt und zwei Engel auf Abwege bringt. Von immer wieder aufbrechendem Lachen begleitet, zeichnete die auch als Theaterschauspielerin bekannte Vorlesende ein witziges Bild der Verführung eines Engels durch des Teufels Großmutter, welcher der „Teugel" entstammt, der auf unserem Blauen Planeten Mensch wurde. Dass diese Geschichte das Rennen um die höchste Gunst des Publikums gewinnen würde, war sofort abzusehen. Von KI hingegen bemerkte darin niemand auch nur eine Spur.
Das vierte Märchen entfiel auf Detlef Spötter, der damit kurzzeitig aus seiner Rolle als Conférencier ausstieg. Vergleichbar dem ersten Märchen zieht es alle Register des klassischen Genres. Ein Mädchen, das gern alte Rabenmärchen hört, erlebt ein magisches Traumabenteuer mit einer Rabenfeder, durch deren Zauberkunst es den Rabenkönig und sein Volk von einem Fluch befreit.
Von einer verzauberten Katze und einem blonden Kind, das mit einer Rabenfeder geboren wurde, die Geschichten schreibt, die die Welt verändern, handelt das letzte der fünf Märchen, das die Oberkircher Autorin und Verlegerin Dr. Karin Jäckel zum Besten gab.
Jetzt ging es um den Pokal, der für die Gewinner-Tischgruppen in Form einer Flasche Wein zum Sofortgenuss ausgelobt wurde. Welches Märchen war nun das gesuchte KI-Produkt? Eine letzte Raterunde ließ die Meinungen nochmals hoch hergehen. Doch dann stand es fest: Vier Tischgruppen hatten die richtige Lösung. Das KI-Märchen las Detlef Spötter, der Conférencier des Ratespiels. Mehr noch, er selbst hatte die KI instruiert, ein „Rabenfeder"-Märchen zu schreiben, das er unverändert vortrug.
Für viele erstaunlich, dass das KI-Märchen sich auf der „Gefällt-mir-Skala" den zweiten Platz mit der Sciencefiction-Kurzgeschichte teilte, obwohl man es als KI vermutete. Was schließt man daraus? Dass die KI es besser kann? Nein, das sicher nicht. Der erste Platz ging an Marie Schweizer, eine Autorin aus Leib und Blut. Das KI-Märchen bediente das ihm mittels überlieferter Menschen-Märchen antrainierte Genre technisch einwandfrei.
Woran die Ratenden das KI-Märchen erkannten, wurde im Anschluss an das Programm noch lange an den Tischen diskutiert. Einig war man sich darin, dass es sich gut anhörte, spannend war, im Ausdruck perfekt wirkte. „Wenn man nicht gewusst hätte, dass ein Märchen KI-gemacht ist, hätte man es sich angehört und nicht weiter darüber nachgedacht", meinte einer der Zuhörer. „Wenn man darüber nachdenkt, merkt man es aber schon", erklärte sein Gegenüber. „Ich habe es als irgendwie kalt empfunden. Es hat mich nicht so berührt wie die Sprache in den alten Märchen." Andere hielten die Landschaftsbeschreibung für „künstlich" und den immer wieder krächzenden Raben im finsteren Wald für „zu klischeehaft". Eine Zuhörerin ergänzte: „Das Herz in der Rabenfeder zum Beispiel – da blieb für mich offen, warum sie das Herz hat und was es bewirkt. Da ist das Herz bloß ein Wort, keine Seele, kein Gefühl."
Noch beim Aufbruch zu vorgerückter Stunde hielten die Gespräche an. Eines lehrt uns die KI offensichtlich schon jetzt: Man kommt nicht mehr an ihr vorbei.
Fotomotiv: Detlef Spötter, Conférencier des Ratespiels. Fotografie: Klaus-Peter Jäckel
Weitere Informationen: www.autorennetzwerk-ortenau.de